Donnerstag, 10. November 2011

Occupy - wohin das führt...


Um es auf den Punkt zu bringen, sie wird in ihrer Schönheit scheitern. So moralisch, phantasievoll und anspruchsvoll die Bewegung namens Occupy sein mag, die seit einigen Wochen auch durch Deutschland schwappt. Sie wird scheitern, weil sie beliebig ist. Sie will aufrütteln und wird dennoch nur belächelt. Sie will die Menschen befreien, und sorgt eher für Abgrenzung.

Bemerkt wurde dieses scheue Reh Occupy an der Wallstreet zu New York. Dort gingen vor einigen Monaten Menschen aus allen Schichten und Bevölkerungsteilen auf die Straße. Ziel ihres Protest, und daher auch die nicht ganz zufällige Verortung an die Wallstreet, waren die Spekulationen von Banken und Bankern. Nicht selten, so die einhellige Meinung über die Grenzen der Occupy-Bewegung hinaus, werden die meist hochspekulativen Geldgeschäfte auf dem Rücken der kleinen Anleger ausgetragen. Bei den Demonstrationen an der Wallstreet, die auch durch übermäßigen Einsatz von Polizei ein gehöriges Maß an Öffentlichkeit gewannen, entwickelte sich ein weiteres Phänomen. Vielleicht hat auch die Wortwahl, die zum Plakat der Bewegung wurde, dafür gesorgt, dass Polizei und Behörden vorsichtig und alarmiert waren. „To occupy“ wird im Englischen in der Regel als ein kriegerisches Wort verstanden, im Sinne von „in Beschlag nehmen“ oder „besetzen“.

Entgegen der üblichen Protestkultur, eine Partei, Gewerkschaft oder andere NGO entdeckt einen Missstand auf, organisiert und meldet eine Demonstration an, die Teilnehmer sind vereint unter der Dach der planenden Organisation, auch in Argumenten und Attitüde. Anders ist das Prinzip der Occupy-Bewegung. Jedem Bürger, jedem Menschen soll der Protest frei stehen, frei von jeglicher parteipolitischer Argumentation und den engen Kampagnenzielen von Gewerkschaften oder anderen Organisationen.

Das heißt, da kann und soll der arbeitssuchende Familienvater für mehr Gerechtigkeit in der Verteilung von Reichtum protestieren, der Studierende gegen die Verteuerung der Lebenshaltungskosten oder, je nach Bundesland, gegen Studiengebühren, die Rentnerin gegen die Inflation und der gutsituierte Akademiker gegen die Nicht-Einhaltung von Klimazielen.

Allen soll aber die Empörung gemein sein. Ein Gefühl, „meist für die Reaktion mit einem negativen Gefühl auf die – nach eigenem Urteil – schlechte Handlung eines anderen“, weiß Wikipedia zu berichten (http://de.wikipedia.org/wiki/Indignation). Die Schuldigen sind meist schnell benannt. Die Politiker, die Banker, die Industrie, die Reichen. So wurde der Begriff „We are the 99 %“ zu einem geflügelten Wort. Gemeint ist damit, dass ein Prozent der Menschheit bestimmt, wie es den anderen 99 % ergeht.

Die offene Ausrichtung des Protests soll alle Menschen motivieren, sich der Bewegung anzuschließen. Der Ruf nach echter Demokratie, in der Politik nicht an den Wünschen der Menschen vorbeiregiert, stößt in das gleiche Horn. Der kleine Mann soll sich empören. Seine Wut auf die Straße tragen, mündiger Bürger, als mündiger Mensch für seine Wünsche, Bedürfnisse. Die Bewegung will die Menschen da abholen, wo sie stehen. Schließlich hat jeder auf irgendwas Wut oder Zorn, ist enttäuscht von Dingen, die er vermeintlich nicht beeinflussen kann. So hörte man am Rande der Proteste in allen größeren Städten Deutschlands immer wieder Sätze wie „Es müssten eigentlich viel mehr Leute hier sein und mitmachen.“

Doch wobei soll man eigentlich mitmachen? Und schnell bemerkt der Protestwillige, dass genau jene von den Occupiern beschworene Individualität nur ein Spiegelbild für das ist, was sie selbst kritisieren. Hat nicht gerade die Individualisierung dazu geführt, dass den Menschen zunehmend egal war, was ihren Nachbar bewegt, beeinflusst, Sorgen macht? Ist es nicht in den letzten Jahren immer wieder ein Problem von Politik, gesellschaftlich relevante Wahlkampfthemen zu finden?

Vor einigen Jahren machte, ausgerechnet am Rande der ersten großen Finanzkrise, das Wort „Cocooning“ die Runde. Gemeint ist damit, dass Sich-Abkapseln, insbesondere von der Außenwelt, eine „Flucht ins Private“, wie es der Biedermeyer schon kannte. Die Menschen zogen sich vor der eiskalten Gesellschaft zurück, wo Menschen in Miets-Kasernen Monate nach ihrem Tod zufällig gefunden werden.

Es wäre ja ein Irrglaube anzunehmen, dass nun ausgerechnet jetzt alle spontan empört sind. Gemeckert wurde immer schon. Aufgeregt hat man sich ebenfalls und so lange es keine wenigstens einigermaßen mainstream-taugliche Gangrichtung für die Gesamt-Bewegung gibt, wird es auch keine Massenveranstaltung.

Der friedliche Protest war immer schon eine der Grundsäulen der Demokratie. Dass man für seine Überzeugungen auf die Straße geht, sollte ein Grundprinzip gesellschaftlicher Mitgestaltung für jeden Bürger sein. Ist es also sinnvoll, allein unter vielen für Dinge einzustehen, die einem selbst wichtig sind? Oder ist mein „Stop the war“-Shirt bei einer Occupy-Demo nicht genauso Nichtssagend oder Politisch, als wenn ich es bei einem Konzert, einem Disco-Besuch oder bei einem Kneipenbesuch trage? Wer keine klare Linie hat, wird damit keine Politik machen. Das war schon immer so, und wird auch an Occupy nicht vorbeigehen, so anständig und schön die Idee auch ist und beinahe wünsche ich mir, dass ich mich irre...

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen