Mittwoch, 19. November 2008

Wenn einer eine Reise tut... IV und Schluss

In Sachen Tourismus lässt sich ja für gewöhnlich immer noch ne Schüppe darauf legen. Für den Samstagmorgen hatten meine Gastgeberin und ich uns entschieden, an einer kommentierten Stadtrundfahrt teilzunehmen. Aber nur so eine poppelige „Rechts-sehen-sie-links-sehen-sie“-Stadtrundfahrt durfte es dann natürlich nicht sein. Wir entschieden uns für das Programm „Gugg'n, gosst'n, goof'n – Ein Stadtrundfahrt mit Marktfrau Marlene“. Also um kurz vor elf kletterten wir zusammen mit geschätzt 24 anderen Fahrgästen in einen französischen Oldtimer-Bus.
Es war etwas eng und der Abstand zwischen Tischbeinen und Sitzbank meinen Bollerknien nicht gerade angepasst, aber kaum saß ich, betrat eine rustikal gekleidete Mitvierzigerin den Bus. Über dem Arm einen Korb, gekleidet in einem Dirndl-ähnlichen Kleid, darüber eine Art Felljacke und begrüßte die versammelte Touri-Schar mit den Worten: „Guud'n Morschen, mei Guudsten!“ Die ersten Gäste können sich ein Lachen nicht verkneifen, als Marktfrau Marlene in bester sächsicher Zunge kurz erklärt, wer sie ist und was sie vorhat in den nächsten zwei Stunden. Meine Gastgeberin hat mich bestens vorbereitet, denn schon bei der Ankunft hat sie mir als Begrüßungsgeschenk ein Langenscheid Liliput Sächsisch geschenkt. So konnte ich die ersten paar Tage schon mal büffeln, was meistens so aussah, dass sie mich beim Essen abgefragt hat. Das hatte zur Folge, dass ich bei manchen Worten zwar die Bedeutung erahnt habe, sie aber nur mit meinem ruhrpott-niederrheinischen Wortschatz ergänzen konnte. Das hat wiederrum Madame nicht verstanden, so dass wir nachher bei der hochdeutschen Übersetzung gelandet waren. Bestes Beispiel... Sie fragt mich, was das sächsische „schwäbborn“ heißt. Ich sagte mir das Wort ein paar Mal laut vor und fand dass es wie „schlabbern“ klint. Doch „de Guudste“ sagt, dass das nicht stimmt, ich versuche mich noch an ein paar anderen Übersetzungen, bis sie endlich die richtige Übersetzung vorliest: „Flüssigkeit verkleckern“. Ich raune erbost auf, aber das habe ich doch gesagt, „schwäbborn“ heißt „schlabbern“. Worauf meine Gastgeberin mich nur entsetzt ansieht: „Ja, aber das kannte ich nicht!“
Jedenfalls führt die Fahrt wieder vorbei an jeden Zielen, die wir uns am Abend vorher schon im beleuchteten Zustand angesehen haben. Das Gewandhaus beispielsweise verliert an Atmosphäre im kühlen Licht der Oktobersonne. Dafür geht es dann aber auch raus in Waldstraßenviertel, mondäne Altbauvillen für die zehnköpfige Patschwork-Familie, hinaus zum Zentralstadion, aber auch zum Prenzlauer Berg von Leipzig, der Karl-Liebknecht-Straße, und immer wieder mache ich mir Notizen in meinem Kopf, was ich mir bei meinem nächsten Besuch noch alles ansehen muss. Nach gut eineinhalb Stunden landen wir in der Gosenschenke „Ohne Bedenken“. Gose, so lernen wir Touris, ist ein leicht säuerliches obergäriges Bier. Ich ahne, dass ich den Tag nicht überstehen werde, denn Alkohol bei Tageslicht haut mich immer um. Aber natürlich muss ich probieren. Es schmeckt tatsächlich säuerlich, ein wenig nach Weizenbier und nach den Erklärungen des Schankmeisters hoffe ich nur, dass die verdauungsfördernde Wirkung mich nicht schon auf der Rückfahrt zum Hauptbahnhof ereilt. Aber dem war nicht so, aber meiner Gastgeberin ging es nicht so prickelnd. Allerdings nicht wegen ihrer Sirup-Gose, sondern hatten sich fiese Viren eingenistet. Also ging es nach der Stadtrundfahrt und einem kurzen Innenstadtbummel im Trubel eines goldenen Oktobertages wieder zurück in ihre Wohnung. Nicht, ohne vorher in einem DDR-Laden noch Zetti-Fetzer, eine Puffreistafel und eine Spreewaldgurke in der Dose zu kaufen. Das Wetter war einfach zu schön und ich bin dann noch mal alleine zum Völki. Die Sicht bei der Sonne war natürlich besser und in der Ferne hörte man das Geböller und Geknalle der historischen Spielgruppen, die die Völkerschlacht nachspielten.
Nachmittags sind wir dann zusammen mit einer Freundin meiner Gastgeberin zu ihren Eltern gefahren. Dort galt es die Tiere zu versorgen. Auf der Hinfahrt bewies meine Gastgeberin, wie man im „wilden Osten“ mit dem Gefährt unterwegs ist und kaum auf dem Land, noch mal eben am Supermarkt anhalten und zack!, die erste Verwandtschaft. Im Supermarkt beschließen die beiden Damen, dass es heute Quarkkeulchen gibt. Ich hab keine Ahnung, was das sein soll. Doch der kulinarische Genuss wird verschoben, abends gibt es erstmal den Klassiker. Den Abend verbringen wir mir Fernsehen und rumgammeln. Die Nacht verbringe ich im Bett, was überraschenderweise im Büro aufgebaut ist. Ich schlafe hervorragend, nur die Zimmernachbarin, jede Freundin, beschwert sich am nächsten Morgen, dass mein Bett so gequietscht hat. Wir frühstücken und versorgen die Schäfchen und verbringen den Tag zwischen quatschen, Kreuzworträtseln und Quarkkeulchen... Nachmittags geht es zurück nach Leipzig. Aus der Ferne sieht man das Völki, und bei der Fahrt auf Leipzig zu, macht sich ein merkwürdiges Gefühl breit. Etwas wie ein Klos entsteht in meinem Bauch, der nahe Abschied von der Stadt und meiner wunderbaren Gastgeberin macht sich Platz. Wieder bei ihr, beginne ich langsam meine Sachen zu packen. Mein Kulturbeutel aus dem Bad, meine Zettel und Papiere. Ich merke, dass es irgendwie schwer ist, tschüss zu sagen...
Es ist halb sieben, ein letzter Blick aufs Sofa unter dem Hochbett, vorbei an der Garderobe, den Rucksack auf den Rücken, die Laptoptasche umgehängt. Zur Haltestelle, in die Bahn, in den Bahnhof. Noch schnell einen Bummel durch den mehrgeschossigen Hauptbahnhof, der auch am Sonntagabend voller Leben ist. Nicht nur die coolen Kids hängen rum, der Bahnhof ist voller Reisender. Ein paar Bonbons ordern, dann noch etwas zu Essen, schließlich bin ich ein paar Stunden unterwegs. Noch ein Crepes auf die Hand, das letzte Bild auf der Digi-Cam. Damit geht Leipzig zu Ende. Als ich meine Gastgeberin zum Abschied in den Arm nehme, kann ich mir die Tränen nicht verdrücken. Ich hab mich wohl gefühlt, aufgenommen, angenommen und willkommen, vor allem von meiner geschätzten und verehrten Freundin. Der Zug fährt los und immer noch laufen mir Tränen aus den Augen, komme mir schon doof vor, als wir am Leipzig-Flughafen. Ich versuche mich abzulenken mit Musik und Lesen. Erst als ich in Hannover umsteigen muss und der Bahnhof voll ist von Schalke-Fans, bin ich wieder da. Eine Stärkung aus der Fastfood-Branche, dann geht es weiter über Herford, Bielefeld, Gütersloh, Hamm, Dortmund, Bochum und Essen nach Duisburg. Eine Freundin holt mich um halb zwei am Montagmorgen ab.... aber das ist eine andere Geschichten...
Ich will nochmal Danke sagen... für die schöne Zeit in Sachsen... schön, dass es Menschen wie dich gibt....

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