Dienstag, 21. Oktober 2008

Wenn einer eine Reise tut...

In Zeiten wachsender Mobilität und einer zusammenwachsenden Welt, sprich jeder Schwanz kann jederzeit überall für wenig Geld hinreisen, ausgenommen vielleicht abgelegene Landstriche in Zentralafrika, hat Reisen nur noch wenig von der Exklusivität und vom Elitären der vergangenen Jahrhunderte. Selbst im tiefsten zentralafrikanischen Hochland wird man bei ausreichend langem Aufenthalt feststellen, dass von Wildnis und Abenteuer, dass ja schon seit Anbeginn mobiler Menschen mitschwingt, nicht mehr viel geblieben ist. Es sei denn man verschreibt sich dem so genannten Individual-Toursimus von geführten Touren durch die nördliche Sahara.

Unsereins hingegen ist schon aufgeregt, wenn er den Zug besteigt, um eine Freundin in Leipzig zu besuchen. Von Abenteuer, Wildnis, geschweige den Gefahren ist dabei nur wenig zu spüren. Mit knapp 200 Stundenkilometer rast der Zug durchs Ruhrgebiet, auf nach Westfalen nur um dann durch Ostwestfalen in der Niedersachsen-Metropole Hannover anzukommen. In den Komfort-Sitzplätze kann der geneigte Bahnfahrer noch eine kleine Verlängerung des abgebrochenen Nachtschlafs nachholen. Sich sanft mit Pop und Klassik berieseln lassen und sogar bei Wunsch sich von jungen, dynamischen Angestellten einen Kaffee, Tee oder gar eine Apfelschorle zu durchaus überzogenen Preisen reichen lasse. Für das angenehme Raumklima sorgt die Vollklimatisierung. Lautlos, weil der Zug beinahe lautlos ist, bis auf ein unregelmäßiges Knacken in der Lautsprecheranlage und die klare Stimme des Zugführers der die Anschlussverbindungen der kommenden Bahnhöfe durchsagt, ist von dem Knattern, Knirschen, Knarzen, dem metallischen Quietschen der Bremsen ist nahezu nichts mehr zu hören. Erst recht nicht mit den Kopfhörern auf den Ohren, die das neue Album der New Kids on the Block spielen.

Einzige Spannung bleibt die Frage, ob und wenn ja wie es der Zugführer schaffen wird, die Verspätung durch die Gleisbauarbeiten in Dortmund aufholen kann. Er kann nicht. Und ob ich die nette Dame, die auf meinem eigentlich reservierten Platz sitzt, gleich noch verscheuchen muss, weil ich mich gentleman-like extra einer Reihe vor sie gesetzt habe, damit sie keine Unannehmlichkeiten hat. Ich muss. Auch wenn der neue, mir nicht zustehende Platz durchaus verheußungsvoll zu sein scheint. Denn nur eine Station später steht eine junge Frau vor mir, süßes Lächeln, groß, blond. Sie grüßt schüchtern und nimmt dann neben mir Platz. Wiederum eine Station später hat sich das erledigt. Eine weitere, junge Frau, blond, klein, Brille, benasprucht den Platz meiner Sitznachbarin. Die wiederum meinen, ich muss die Dame hinter „unserer“ Reihe wohl doch von meinem Platz verscheuchen. Der dickliche Mann, der neben ihr sitzt und in Kürze mein Platznachbar werden wird, wäre mir lieber.

Hannover ist 13 Minuten zu spät erreicht, der Anschlusszug nach Leipzig Hauptbahnhof ist vor fünf Minuten abgefahren. Auf meinem Ticket steht das fürchterliche Wort: Zugbindung! Also erstmal zum Service Point: „Ja, kein Problem, ich ändere das Ticket. Der neue Zug fährt ein einer dreiviertel Stunde.“ Gut, das Problem ist gelöst... und meine Reservierung? „Das müssen die Kollegen im Reisezentrum erledigen.“ Also rüber zum Reisezentrum. Wie immer, bin ich nicht der Einziger der was von den Bahn-Mitarbeitern will. In Tradition amerikanischer Service-Unternehmen hat die Bahn ja inzwischen auch das Warten organisiert. Böse Zungen würden sagen, dass ist typisch deutsch, dass selbst so etwas Profanes geregelt werden muss. Vor mir warten zwei ältere Damen. Mit Sicherheit fahren sie nur zwei Mal im Jahr mit der Bahn, aber sie wissen Bescheid: „Die Scheiß-Deutsche Bahn“, lautet das Fazit der Jüngeraussehenden. Davon hielt sie auch nicht der sympathische Hannoveraner ab, der die Wartenden auf die freiwerdenden Schalter verteilt. Ihre Rage verhindert, dass die beiden Damen bemerken, dass soeben ein Schalter freigeworden ist. Pflichtbewusst weißt sie der bullige Bahnmitarbeiter daraufhin. Ihre Freag war wohl eher kurzer Natur, denn bevor andere Gäste fertig werden mit ihrem Anliegen, machen die Damen den Schalter wieder frei. „Hier Reservierung wegen Verspätung Anschlusszug nach Leizig, bitte neu!“ Der Mann schaut skeptisch, scheint mich verstanden zu haben und überreicht mir wenig später meine neue Reservierung. Endlich kann ich mir einen Kaffee kaufen. Der musste heute morgen ausfallen, sonst hätte ich den Auftakt meiner Bahnreise nicht mehr geschafft. Lecker, Automaten-Kaffee! Hauptsache genug Koffein, wo ich vorhin schon zwischen Bielefeld und Hannover befürchtet habe, gleich vollends wegzunicken und meine Mitreisenden mit meinem Schnarchen zu unterhalten. Aber das verhindern schon diese unverwechselbaren Telefonate.

Ein elektronisches Geklimper, eine Mischung aus ernstzunehmender Kalviermusik mit Comic-Jingles weckt mich wieder auf. Von Gefühl her, müsste jemand seine Stereoanlage direkt neben mit aufgedreht haben. Erneut fängt das Geräusch von vorne an, wir kurz lauter, dann wird es abgelöst durch eine weiche Männerstimme. „Hallo?“ Kurze Pause. „HALLO?“ Pause. „Hallo, hallo!?“ Pause. „HALLO?“ Erneute Pause. „Wer ist denn da?“ Pause. „Hallo?“ Es kehrt wieder Ruhe ein. Nur eine halbe Stunde geht das Prozedere von vorne los.

Zwei Reihen weiter hinten, schräg rechts hinter mir sind in Hannover drei Juristen eingestiegen. Was unscheinbar begannm entpuppte sich schnell als Herausforderung an alle anderen Fahrgäste. Denn nicht nur, dass sie das Großraumabteil binnen kürzester Zeit mit einer Reihe schlechter Juristen-Sprüchen malträtierten. Ein Beispiel? „Ich hab den Rat meiner Schwester mal befolgt: 'Wer Akten zu früh liest, muss zwei Mal lesen!'“ Doch den ungekrönten Sieger dieses Sprüchemassakers kam kurz vor Leipzig. Augenscheinlich erreichten die Juristen endlich ihre Endstation. Die einzige Dame des Trios, die während der Fahrt wie aufgeregte Schulkinder im Bus zur Klassenfahrt hinter den beiden Herren in der Reihe gestanden hatte, um dann mit den Händen auf beiden Kopflehnen ihre Kommentare zwischen die Köpfe der beiden Herren fallen zu lassen, wurde nun aktiv. Mit einem Bündel Kleidung verschwand sie für mehrere Minuten in der Behindertenkabine. Als die Tür sich wieder öffnete, hatte sie ihren farblos wirkenden gelben Strickpullover gegen eine raffienierte Bluse mit einem schwarzen Blusson getauscht. Einer der Herren verkündete stolz, 'noch mal eben auf die Toilette zu gehen', und machte sich in entgegengesetzte Richtung auf den Weg. Wieder vergingen einige Minuten, in denen ich mit leicht verdrehtem Kopf die ersten Zeichen der Stadt in mich aufnahm. Endlich hatte ich eine bequeme Position gefunden, kam der Mann wieder, augenscheinlich einer der Chefs oder zumindest derjenige, der in dem Trio den Ton angab. Er setzte sich wieder neben seinen Kollegen und ließ trocken, aber weithin hörbar verlauten: „Weißte, was ich ja nicht verstehe...“ Er machte eine Pause, weil er wohl wirklich glaubte, dass der Kollege, oder auch die Dame von der Hinterbank weiterfragen würde, was nicht geschah und machte dann weiter: „...wieso es auf Zugtoilette nie Bürsten gibt...“

1 Kommentar:

  1. Saugeil ja bahnfahren ist echt klasse man wird vom Hörer sovieler S***** das man sich ab und zu einfach mal weghauen muss. Aber man kann halt auch echten orginalen begegnen, hat schon mehr als inner Karre mit 200 auf der Autobahn zu sitzen, zwar entspannter aber auch gelangweiligter anzukommen. Gruss

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