Montag, 27. Oktober 2008

Wenn einer eine Reise tut... II

Kaum in Leipzig angekommen empfängt mich meine Bekannte, erschlagen von den Eindrücken geht es quer durch die mir fremde Stadt. Meine letzte Begegnung war wohl 1995 oder noch eher. Da war ich mit meinen Eltern für ein paar Tage meine entfernten Verwandten in der Stadt besuchen. Schon damals war ich irritiert oder einfach nur viel zu klein und jung für die Eindrücke einer Großstadt. Aber ich weiß, dass es kurz nach, höchstens wenige Jahre nach jenen folgenschweren Tagen im November 19989 gewesen sein kann. Die Stadt wirkte durcheinander, pulsierend, aus heutiger Sicht für mich 'östlich'. Auf der Fahrt in den Süden der Stadt, Connewitz heißt der Stadtteil, wie ich Tage später weiß, erkenne ich nichts wieder. Vorbei an fremdklingenden Haltestellennamen Wilhelm-Leuschner-Platz, Neues Rathaus. „Hier hatte ich mein Praktikum“, klärt meine Bekannte mich auf. Durch die beschlagenen und regenbetropften Scheiben erkenne ich einen altertümlich anmutenden Bau, wobei mir schleierhaft bleibt, wieso dieses Gebäude das „neue Rathaus“ ist. Zwei Haltestellen später steigen drei Damen ein. Ihren Tragtaschen entnehme ich, dass sie gerade vom Einkauf kommen. Sie setzen ich in unsere unmittelbare Nähe. Meine erste Begegnung mit einer fremden Sprache. Entgegen allen Trends und Umfragen, mag ich das Sächsische, auch wenn ich noch kein Wort verstehe. Am Straßeneck zweier Widerstandskämpfer des „Großen Krieges“ geht es raus aus der Bahn. Nur wenige Meter und eine Hausecke und meine Bekannte schließt die Tür zu einem feinen Altbau auf. Kunstvolle Fließen ziehren den Boden, an den Wänden ein ansehnlicher Fließenspiegel. Ein hölzernes Treppenhaus empfängt uns, doch wir biegen vorher in eine kleine feine Zwei-Zimmer-Wohnung ab. Kaum angekommen geht meine Tourismus-Tour los. Es ist früher Nachmittag. Der Regen hat für einen Moment aufgehört, als wir zum „Völki“ aufbrechen. Vorbei an einem riesenhaften Loch in der Erde, der mdr-Zentrale und dem Panometer, einem ausrangierten und für Kunstausstellungen hergerichteten Gasometer führt unser Weg an einer vierspurigen Straße.
Schon von weitem ist die sandsteinfarbene Spitze des größten Denkmals der Welt zu sehen. Es fängt wieder an zu regnen. Aber wir plaudern, lachen über den zu kleinen Regenschirm. Ich fühle mich wohl, schon nach wenigen Minuten in der fremden Stadt. Wir kommen dem Denkmal immer näher, welches im 19. Jahrhundert zu Ehren der Toten der Schlacht vom 15.-19.10.1813 auf den Wiesen der Stadt errichtet worden war. 120000 Tote hatte die Auseinandersetzung zwischen napoleonischen und alliierten Soldaten gefordert. Das Meer der Tränen nimmt den Himmel auf und unter der sandsteinfarbenen Spitze ist das Denkmal zu gut einem Drittel eingerüstet und mit einer grünen Plane oder einem Netz blickdicht verpackt. Es hat wieder angefangen zu regnen, stärker als zu vor. Wir betreten die warme Ehrenhalle. Massige Soldaten bewachen die Grabesplatte, auf der ein Kranz liegt, im Andenken an die Toten, dass sich ausgerechnet an diesem Wochenende jährt. Hinauf zu den vier Tugenden, symbolisiert durch riesenhafte Skulpturen, die in den vier Ecken der oberen Ruhmeshalles sitzen. Der Blick geht unweigerlich nach oben. Eine Kupüpel erhebt sich, leider verdeckt durch ein Netz. Die elf Reihen Reiterbildnisse sind kaum zu erkennen. Wir wollen nach oben. Lift, Treppen, Treppen. Es regnet und ist ekelhaft windig. Die Stadt von dort oben verschwindet fast im Dunst und in den Wolke. Die Aussichtsplattform gewinnt etwas Bedrohliches, Angst einflößendes. Wir sind durchnässt und uns ist kalt. Aber wir sind die einzigen Besucher soweit oben. Ein paar Besucher treten den Rückweg an. Meine Bekannte erklärt mir, was ich wo sehe. Ich bin dankbar und muss fast unentwegt lächeln und lachen. Es ist so schön, eine Stadt kennenzulernen mit den Augen einer ihrer Bewohner. Der Blick ist weniger touristisch und ich hatte das Gefühl, weniger Tourist zu sein. Die Erklärungen sind persönlicher, genau, biographischer. Die Momente auf dem „Völki“ entbehrten nicht einer gewissen Romantik. Ein guter, ein richtiger Moment, um sich kennen zu lernen. Anschließend gab es Hot-Dog-Pizza. Einfach und schnell und vor allem lecker und sättigend.

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