Donnerstag, 31. August 2017

Das erste Mal

Im Leben müssen alle Dinge zum ersten Mal gemacht werden. Das erste Mal selbst auf die Toilette gehen. Das erste Mal knutschen. Ja, auch das klassische Erste Mal. Zum ersten Mal einen Song super finden. Den ersten Vertrag abschließen. Den ersten Mietvertrag unterschreiben und eben auch, das erste Mal einen Mietvertrag kündigen.

Heute war es bei mir soweit. Das Leben erfordert es, dass ich nach einer gewissen Zeit nun den Wohnort wechseln muss. Raus aus der Großstadt, raus auf's Land. Das Spannende dabei ist, dass ich noch nicht weiß, wo ich denn in zwei Monaten sein werde, geschweige denn, wo ich dann wohnen werde. Sicher ist nur, in Assindia wird es nicht mehr sein.

Das Gefühl ist noch sehr unbestimmt. Sicher ist nur, spätestens in drei Monaten wird meine Zeit auf meinen ersten 30 qm zu Ende gegangen sein. Ich werde alle meine Platten, das neue Regel, die Kücheuntensilien eingepackt haben. Den Kleiderschrank zum zweiten Mal auseinandergebaut haben, in der Hoffnung, ihn noch ein drittes Mal funktionsfähig irgendwo aufbauen zu können.
Im besten Fall weiß ich in einem Monat, wo es denn hingehen wird. Welchen Ort ich zumindest für die nächsten eineinhalb Jahr "Zuhause" nennen kann. Im besten Fall habe ich dann ein wenig mehr Platz. Platz für den Rest der Stereoanlage, Platz für den Lesesessel und vielleicht ein kleines Bücherregal.
Es gibt erste Mal, die beinahe nebenbei passieren. Der erste Schritt, der erste Suff und zwangsläufig der erste Kater. Es gibt Dinge, die irgendwie wichtig erscheinen, auf dem Lebensweg. Der erste Schritt, der erste Schultag, die erste Liebe. Und es gibt Dinge, die klar machen, dass man im Laufe der Zeit erwachsen wird, ohne etwas dafür getan zu haben oder vorher zu wissen, dass es ein wichtiger Schritt sein wird. Das erste Mal einen Mietvertrag zu kündigen, ist beinahe wie erwachsen werden.

Donnerstag, 24. August 2017

Rezensionen, die sich lohnen II

Und weiter geht die lustige Reihe rund um Comics, Comic-Bücher und Graphic Novels. Ich sage es euch, so viel freie Zeit, dann lese ich und lese ich und lese ich...:-)

Heute also ein Blick auf die Bände Da wird sich nie was ändern! (2015) von Ulla Loge erschienen im JaJa Verlag und Berlin - Geteilte Stadt. Zeitgeschichten (2012) von Susanne Buddenberg und Thomas Henseler aus dem avant Verlag. Gemeinsam haben beide Bände, dass sie im weitesten Verständnis die sich selbst beendende DDR und die Wendezeit im Blick haben.

Loge, Ulla (2015) Da wird sich nie was ändern! 

Loge erzählt die Geschichte von sechs DDR-Bürgern beginnend im Mai 1989, also rund um ersten offenen Grenzen, den Nachweis von Wahlbetrug in der DDR und den geradezu grotesken Feierlichkeiten zum 40. Jubiläum. Dabei entwirft Loge ein Kaleidoskop der Zeiten und der Menschen in der DDR bis in die ersten Monate nach der Widervereinigung.

Der Stil erinnert dabei eher an Comic-Strips aus Zeitungen. Manchmal wirkt er sehr reduziert. Manche Panel wirken eher krypthisch, treiben die Geschichte nicht voran und versuchen eher Stimmungen und Eindrücke zu vermitteln. Auf Text wird weitgehend verzichtet, wenn die Figuren sich nicht gerade unterhalten.

Stärkste Figur ist in meinen Augen die 17-jährigen Karla Leupold, die durch einen genauen Blick durch ihre Kamera immer wieder Zu- und Missstände in Bilder erfasst, deren Betrachter die Leserin oder der Leser wird. Doch die Hauptfiguren lassen sich mitunter während der Lektüre kaum auseinanderhalten. Natürlich darf der Stasi-Spitzel genauso wenig fehlen, wie das kleine Mädchen, dem die große Welt doch fast egal ist und welches viel lieber zaubern möchte. Den einzelnen Geschichten lässt sich dabei manchmal schwerlich folgen und sich gegeneinander abgrenzen. da helfen auch die ab und an eingefügten Überschriften mit den Namen der Figuren nur wenig.

Zudem hätte ich mir gewünscht, dass Loge sich nicht für eine reine schwarz-weiße Version entschieden hätte. Ich bin sicher, dass bei einer geeigneten Colourierung der Band ausdrucksstärker gewesen wäre. Sicher, es geht nicht um die Klischees, dass im Osten "damals" alles grau in grau war, aber wozu wird in den Panels und den angefügten Skizzen so viel Wert auf Produkte und ihre Farbigkeit verwendet, wenn es am Ende dann doch schwarz-weiß ist?

Vielleicht bin ich einfach ein allzu gewohnheitsmäßiger Leser, aber gerade beim Plot hätte ich mir ein wenig mehr Innovation und ein wenig mehr Lenkung gewünscht.

Details zum Werk und der Autorin gibt es hier

Buddenberg, Susanne; Henseler, Thomas (2012) Berlin - Geteilte Stadt. Zeitgeschichten.

Dass Comics inzwischen nicht mehr nur in selbstgebauten Buden gelesen und gegen Kaugummi und Wassereis getauscht werden, sondern mitten in der Gesellschaft angekommen sind, macht dieser Band einmal mehr klar. Wenn eine anfangs geradezu subversive Kunst plötzlich zu einem Bildungsmedium wird, dann kann das schon mal in die Hose gehen und tut es leider auch.

Dabei sind es gar nicht die fünf Geschichten, die das Duo Buddenberg & Henseler (auch bekannt als Köpfe von Zoom und Tinte) hier in Comic-Form verarbeitet. Die sind weitgehend spannend und vielfältig. Sie reichen von der Schülerin, die erst zum Republikflüchtling werden musste, um ihr Abitur machen zu können über die Familie, die auf spektakuläre Art und Weise in den Westen flieht, bis hin zum politischen Häftling, der die Abartigkeiten und Grausamkeiten des Regimes erleiden muss. Die Geschichten bekommen natürlich durch die bildhafte Darstellung eine andere Wirkung und Authentizität. Sie werden greifbar, nachvollziehbar und aus der sichtbaren Masse solcher Schicksale in den Archiven der BStU (Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen) zu erlebbaren Geschichten, bekommen gleichsam ein - wenn auch gezeichnetes - Gesicht.

Dass Buddenberg & Henseler in ihrem Stil dabei wenig kreativ sind und einen eher dokumentarischen Stil beibehalten, scheint nachvollziehbar, nimmt dem "Doku-Buch" - wie es die Welt am Sonntag - nannte, aber auch den Überraschungseffekt. Ich erwarte ja gar keine grandiosen Einfälle, die von mir als Leser einiges an Interpretation und Auseinandersetzung verlangen, aber die Geschichten einfach "runterzurasseln" und dann die Einzelschicksale durch Dokumentationsseiten zu trennen, erinnert mich zu sehr an Schule und "Das musst du aber wissen und unbedingt lesen!". Das will ich nicht und deshalb fällt das Buch durch, also zumindest bei mir als Comic-Fan, -Buch-Fan.

Als angehender Lehrer macht es beinahe wieder Sinn! Denn dann werden deutsch-deutsche Geschichte, Zeitgeist und -gefühl ganz charmant miteinander verbunden.

Mehr zu dem Band, inklusive Lese-Probe gibt es hier.

Mittwoch, 23. August 2017

Rezensionen, die sich lohnen I

Sorry, aber ein blöderer Titel fiel mir gerade nicht aus. Als Fan des gezeichneten Buchs und der leichten Leselust, neige ich ja beim Besuch der örtlichen Bücherei, des lokalen Buchladens und dem Blick ins Branchenbuch einer Stadt dazu, als erstes nach Comics und Graphic Novels Ausschau zu halten.
Nicht, dass ich mich nun als großen Wissenden verstehen würde (der Besuch der Jahrestagung der Gesellschaft für Comicforschung letztes Jahr hat mir die Augen weiter geöffnet). Ich kann mit niemandem über die Marvel- oder DC-Heldenuniversen sprechen und bin bei jedem Avenger-Film wieder überrascht, was ich alles nicht wusste. Aber ich bin "interessierter Laie", wie das so schön heißt. Da nun das Masterpiece meiner universitären Karriere abgeschlossen ist, habe ich nun Zeit (und Lust) mich ein wenig über die zuletzt gelesenen Bände auszulassen. Dabei gibt es auf jeden Fall Bände, die schon ein paar Jahre in den Regalen stehen, aber den Weg in meine Hände erst jetzt gefunden haben.

Los geht es mit Mark Millars und Leinil Yus Superior (Band 1) von 2012 und Sabrina Schmatz' München 1945 (Band 1: Die Befreier) aus dem Jahr 2016.

Millar, Mark; Yu, Leinil (2012) Superior (Band 1), Panini Comics

Die Idee von Millar und Yu ist so charmant wie unterhaltsam. Die Wiedererweckung eines "vergessenen" Superhelden verbunden mit der tragischen Geschichte des Teenagers Simon, der an einer aggressiven Form von Multiple Sklerose erkrankt ist. Ein Außerirdischer erfüllt ihm den Wunsch, einmal Superheld sein zu können. Plötzlich heißt es Fliegen statt Rollstuhl, Röntgen-, Mirkoskop- und Teleskopblick statt einseitiger Blindheit und Anerkennung der Welt statt Spott der alten Basketball-Teamkameraden.

Graphisch besticht der Band vor allem durch eine - man muss es wohl so sagen - bekannte Superhelden-Optik. An Superior ist nichts Verdächtiges oder Negatives zu erkennen. Der Plot hat einige charmante Einfälle parat wie die Superkräfte-Tests von Chris und Simon alias Superior. Dass das Superhelden-Dasein aber keineswegs einfach ist, deutet sich in der Jagd der Medien nach einigen spektakulären Rettungstaten an. Und Ormon, der affenähnliche Außerirdische, der aus Simon Superior gemacht hat, scheint düstere Pläne zu verfolgen. Denn er bietet auch Sharpie an, dem fiesesten Gängler von Simon und Chris', ihn mit Superkräften auszustatten. Ein perfekter Cliffhanger an dieser Stelle.

Das Lesen des Bands macht jedenfalls riesigen Spaß. Was ich angenehm finde, dass man sich nicht mit alten, vor der Geschichte liegenden Ereignissen auskennen muss, sondern sich dem Superhelden-Thema genauso fasziniert zuwenden kann, wie Simon und Chris es tun (müssen). Dazu bestechen vor allem die Bilder von Millar und Yu durch eine enorme Detailliertheit und dadurch, dass Simon zwar wie Superior aussieht, aber im Grunde ja erst 12 Jahre alt ist, hält die Geschichte zahlreiche witzige Situationen bereit.

Wer sich selbst einen Eindruck machen will: Unter diesem Link gibt es eine Leseprobe aus dem Band.

Schmatz, Sabrina (2016) München 1945 (Band 1: Die Befreier), Schwarzer Turm

Pünktlich zur letzten Leiziger Buchmesse kam dieser kleine Band heraus. Um es direkt vorneweg zu sagen, ihre Manga-Vergangenheit bemerkt man beim Blick auf die Panels recht schnell und spätestens auf Seite 44 war für mich die Sache dann leider durch.

Doch der Reihe nach, schließlich soll hier versucht werden ein einigermaßen argumentatives Konstrukt aufzubauen. Die Geschichte ist so charmant wie spannend. München wird 1945 von US-Soldaten besetzt. In den Wirren der ersten Nachkriegstage entwickelt sich eine Liebesgeschichte zwischen einer auffallend hübschen Deutschen (Konstanze) und dem US-Soldaten Daniel "Dan" Stevens. Soweit, so gut!

In meinen Augen hatte Schmatz, die seit einigen Jahren Mangas veröffentlicht, sich nicht ganz entscheiden können, was München 1945 nun werden soll. Eine manga-eske Nachkriegsromanze oder doch eine ambitionierte graphic novel. Die Kapitelbilder sind absolut überzeugend. Trotz der einheitlichen Beibehaltung von Bleistift-Zeichungen haben diese Bilder eine ziemliche Ausdruckskraft und wirken sehr beeindruckend, geradezu künstlerisch. Die Figuren, insbesondere die Soldaten, sind dabei fein ausgearbeitet in Ausdruck und Haltung. Nur die Frauen, inklusive Konstanze, wirken blass und sind optisch stark der Manga-Tradition angenährt.

Am Anfang kann man das noch recht geschickt ignorieren, zumindest ging es mir so. Aber spätestens auf Seite 44 wirkt diese Optik in der Tristheit der zerstörten Stadt München einfach nur fehl am Platz und ungeeignet, was wirklich schade ist. Diese Naivität und Unschuld Konstanzes, noch verstärkt durch die übermäßig großen und geweiteten Augen und den zu einem Schrei verzerrten Mund, der eher an eine Grimasse von Erstaunen erinnert, ist nach sechs Jahren Weltkrieg unrealistisch und unglaubwürdig. Dieser optische bzw. graphische Fehlgriff vermiest mir die ganze restliche Geschichte, die ordentliches Potential andeutet. Aber mir ist die Lust ein wenig vergangen.

Wer sich selbst ein Bild machen möchte, insbesondere das Cover von Band 2 sagt schon eine Menge dazu aus, der kann das hier tun.

Samstag, 5. August 2017

Querschnitt

Moinsen zusammen!

So, jetzt ist es also soweit. Mein Studium neigt sich tatsächlich langsam dem Ende entgegen. Mit heute sind es noch 18 Tage, dann muss die Masterarbeit abgegeben werden. In der letzten Woche hatte ich meine offizielle Veranstatung an der Uni. Und wie schon auf anderen sozialen Medien veröffentlicht, schwanke ich zwischen Wehmut und Vorfreude.

LEBEN
Klar, ich habe Bock auf den Job und die nächste Stufe. Aber wenn ich an die vielen Leute denke, die ich in den letzten fünf Jahren kennengelernt habe, bin ich auch wehmütig. Sicher, heutzutage sind die Chancen groß, dass man sich so schnell nicht aus den Augen verlieren wird. Aber das fiel mir schon nach dem Abi vor Ewigkeiten schwer, einfach alles abzuhaken und in Kauf zu nehmen, dass Menschen aus dem Leben verschwinden, die man in den letzten Jahren lieb gewonnen hat.



LEKTÜRE
Passenderweise führte mein Weg in der letzten Woche in die Stadtbibliothek und dort zufällig zum Buch Klassenkampf von André Herrmann. Was sich hier nach einer Adaption kommunistischer Idelologien anhört, ist viel mehr ein Zeitraffer-Buch über die Zeit nach dem Abi. Das 2015 erschienene Buch ist vollmundig angekündigt, als eine Auseinandersetzung mit der quaterlife crisis. In meinen Augen ist es das aber nicht. Viel mehr schildert der ehemalige Deutsche Meister im Poetry Slam in genau diesem Stil seine Zeit vom Schulabschluss bis nahe an das Jetzt. Das Erzähltempo ist schnell, teitliche Sprünge beabsichtigt und sicher eng mit der Biographie des Autors verbunden. Erzählt wird von den Menschen aus der alten Klasse, dem Suchen nach dem eigenen Platz, dem Scheitern von Lebensplänen und dem Gefühl einer Generation, die einigermaßen hilflos vor dem "Danach" steht. Was tun, mit dem Abi in der Tasche, die Welt vor den Füßen und der Enge der sachsen-anhaltinischen Kleinstadt im Nacken? Am Ende tut es weh zu sehen wie Freunde sich zu anzugtragenden Familienvätern mit Rentenversicherung entwickeln und diese Veränderung zum Bürgerlichen an einem selbst nicht spurlos vorbeigeht. Ich habe mich in vielen Momenten in diesem Buch wiedergefunden, insbesondere wenn Kumpel Maik nicht umablässig Sprüche klopft, sondern besonders in den stillen Momenten. Und wie man nach und nach, vielleicht auch ohne es zu wollen, erwachsen wird, erhält das Erwachsensein nach und nach Eingang in die Welt des Ich-Erzählers. Ein großes Vergnügen und eine kleine Zeitreise in die eigene Vergangenheit.

MUSIK
Neben der dauernden Rückkehr in die Auswüchse des Punk und seinen zahlreichen Formen, hängt das Herz gerade irgendwie an deutschsprachigem Gansta-Rap, auch wenn mir dieses Autotune-Ding noch nicht klar ist.

FANTUM
Endlich wieder Fußball! Forza Meiderich! :-D



Dienstag, 11. Juli 2017

Geh' mich weg mit G20, sonst werde ich noch ranzig!

Komischerweise habe ich immer nur dann Zeit, Lust, Elan und Energie für einen Post, wenn ich mich mal wieder aufrege. So also auch dieses Mal...

Thema heute: G20 und seine Folgen für Hamburg, die linke Szene und den Rest der Welt...

Großes Thema also! Über die Wahl von Veranstaltungsort brauche ich nichts mehr sagen, die Nummer ist durch.
Zum Thema Vandalismus, Randalismus und Gewaltismus brauche ich auch nichts mehr sagen. Oder doch? Oh, doch! Denn es erscheint beinahe als Reflex notwendig, sich erstmal zu distanzieren. Das tue ich auch in vollem Umfang. Brennende Kleinwagen haben nichts damit zu tun, dass es um Kritik an den großen Rädern unserer Zeit geht. Dass es viel Dinge gibt, die man an der Konferenz der Reichen und Mächtigen kritisieren kann, liegt auf der Hand. Klimaschutz, Welthandel, weltweite Solidarität und vor allem, das steht für mich zumindest hinter allem, der Gedanke und der Wunsch nach einer gerechteren Welt. Das Gewalt da ein wenig hilfreiches Mittel ist, sollte sich eigentlich spätestens nach dem Deutschen Herbst herumgesprochen haben. Gleichzeitig ist sie aber auch Ausdruck einer Hilflosigkeit. Selbst das friedliebenste Tier der Welt wird sich, einmal in die Ecke gedrängt, wehren, mit allen Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen.

Ich weise an dieser Stelle nochmal daraufhin, dass ich damit keineswegs Gewalt im Umfeld von G20 in Hamburg toleriere oder gutheiße. Die Plünderung von Einzelhändlern, die dann auf Grund dessen bankrott machen und damit neuen Konzernen Platz machen, kann da nun wirklich keine Lösung sein. Aber Gewalt zeigt in meinen Augen auch immer, dass sich Menschen an einer Grenze fühlen, die sie aus eigener Kraft, mit der Kraft der Worte, politischer Partizipation, Engagement und Einsatz nicht mehr überschreiten können. Warum deswegen regelrecht Jagd auf Polizistinnen und Polizisten gemacht werden muss (so wenig ich persönlich das ein oder andere Verhalten der Schutzmacht nachvollziehen und gutheiße), verstehe ich beim besten Willen nicht.

Doch die Folgen der Randale sind gerade all überall in den sozialen Medien zu sehen und sie sind weniger Ausdruck einer Solidarisierung mit den Leidtragenden, sondern hier wird polarisiert, dass sich die Balken biegen. Das Linken-Bashing ist zum Modesport geworden (Ein weiterer Ausdruck des Rechtsrucks in der Gesellschaft, die mit den leidigen Diskussionen um die Aufnahme von Flüchtlingen begonnen hat?), lauthals wird die Schließung der "Roten Flora" als Zentrum der radikalen Linken heraufbeschworen, in Kommentaren ist von der "vollständigen Zerschlagung linksradikaler Strukturen" die Rede und fragwürdige Bands bringen Songs heraus, die angeblich gegen jede Art von Extremismus sind (Wer sich mal richtig ekeln will, sollte sich mal die youtube-Kommentare zu diesem Song reinziehen!).

EXKURS: Diese Argument, dass "die Linken" ja Politik erst in die Stadien trage, hört man im Stadion übrigens ständig. Wer dort gegen Rassismus und Homophobie ist wird blöde angemacht, wer Schiedsrichter aber als "asoziale Schwuchtel" und dunkelhäutige Spieler (übrigens immer nur die der Gastmannschaften) als "hässlichen Neger" beschimpft äußert nur seine freie Meinung...

Als Fazit lässt sich sicher sagen, dass "die linke Szene" (Die Anführungszeichen dienen hier dem Hinweis, dass es sich bei der Bezeichnung um eine Sammelbezeichnung handelt, die genau so ungenau ist wie die Bezeichnung "die rechte Szene".) sich keinen Gefallen damit getan hat, dass die die Proteste so eskaliert sind, unabhängig davon, ob es sich nun um inländische oder ausländische Autonome handelt. Und die berechtigte Kritik an G20 verliert ihre Kraft, wenn im gleichen Satz immer nur von den Gewalttaten die Rede ist. Schade, dass Hamburg als Tor zur Welt und damit auch die Kritiker an G20 somit eine große Chance verwehrt worden ist, Protest lautstark und wirksam vorzutragen.